23. August // Jericho

Fri, 23 Aug 2019 20:33:10 +0000 von Hans Christian Brandy

Abschied vom See Genezareth
Gestern war der Abschied vom wunderbaren Pilgerhaus Tabgha mit einem kleinen Schreck verbunden. Es war nicht nur eines der schönsten, es war auch das mit erheblichem Abstand teuerste Quartier der ganzen Tour. Aber es war sehr gut und tat mir zu diesem Zeitpunkt sehr gut. Also schnell abhaken.

Der sehr freundliche Mitarbeiter im Spätdienst der Rezeption hatte mir an zwei Abenden, an denen er mir spät noch ein Bier einschenkte, ausgiebig Rat gegeben für meine Weiterfahrt. Ich fuhr nördlich und östlich durch den Golan um den See herum. In Kapernaum habe ich Kirche und Ruinen – vor allem die einer alten Synagoge – angeschaut; ein Ort, der ja ganz besonders für das Wirken Jesu steht. Zu fahren war es jetzt weitaus besser als an den ersten zwei Tagen. Am See gab es sogar gelegentlich Radwege, sonst fuhr ich auf den Hauptstraßen, die am See wenig, später mehr befahren waren, aber meist einen breiten Seitenstreifen („Shoulders“) haben, auf dem man gut fahren kann. Nur wo er fehlt, wird es manchmal eng. Und im letzten Drittel der Strecke hatte man sich einfallen lassen, Mitte und Rand mit einer Art schwerer Raupe aufzurauen. Das mag hilfreich sein, wenn jemand am Steuer eingeschlafen ist und dem Rand zu Nahe kommt. Für Radfahrer ist es unerträglich; wo rechts noch genug Platz bleibt, ist es ok. Wo nicht, muss man links von dem aufgerissenen Streifen auf der Straße fahren. Das ist wenig schön. Zumeist aber waren Straßen und Randstreifen jetzt prima. So blieb vor allem der Kampf gegen die Hitze. Es ist einfach extrem heiß im Jordantal.

Durchs Tal des Jordan
Nach Karte hätte ich auf dem Weg nach Jericho schon nach 70 km, in Beth Shean, Halt machen müssen. Danach kam über viele, viele Kilometer kein Ort mehr, der nach Übernachtung aussah. Mein Ratgeber ermutigte mich aber: Es gebe dort arabische Dörfer und neue jüdische Siedlungen oder Kibbuze, die alle Gästehäuser hätten. Also fuhr ich am frühen Nachmittag, nachdem ich mich vorsichtshalber gut mit Wasser und ein paar Lebensmitteln eingedeckt hatte, ins Palästinensergebiet, in die Westbank. Den Unterschied sah man sofort an deutlich einfacheren Lebensbedingungen, an (weniger) Ordnung und Sauberkeit. Wie angekündigt, kamen Orte und auch gelegentlich Hinweise auf Gästehäuser. Das war mir aber alles noch zu früh am Nachmittag. Als die Zeit für die Quartierfindung näher kam, kamen solche Übernachtungsmöglichkeiten aber nicht mehr. Also blieb mir kaum etwas anderes übrig, als nach Jericho durchzufahren. Das wurden 151 km, im Blick auf Kilometer und Zeit die längste Etappe der ganze Tour. Dabei halfen die gute Straße und ein nicht unerheblicher Wind von schräg hinten. Auch die in der Summe 850 Höhenmeter, weil die Straße am Talrand immer wieder ansteigt und abfällt, waren so zu schaffen. Und ich bin inzwischen wohl auch ganz gut fit.

Besonders abwechslungsreich war die lange Fahrt durchs Jordantal nicht: Im Tal einiges an Landwirtschaft, Plantagen, Oasen, auch Anlagen zur Wasserbewirschaftung. Links der Blick auf die Berge Jordaniens, rechts karg bewachsene Berge. Je weiter südlich ich kam, desto mehr wurde die Landschaft zur Rechten zur Wüste. Aber mit jeder Stunde brannte dann auch die Sonne etwas weniger heftig, und die Schatten und Konturen wurden länger und klarer. So machte es zunehmend Spaß, durch diese fremde Welt zu radeln. Nur das Licht lief mir davon. Es wird hier derzeit gegen 19.15 h in ganz kurzer Zeit dunkel. So hielt ich mich tüchtig ran, musste nur zwischendurch mal ein halbes Brötchen essen, um nicht abzubauen.

Jericho
Mit dem letzten Tageslicht erreichte ich Jericho. Eine große Oasenstadt in der Talebene, die ich etwas von oben vor mir liegen sah. Die tiefstgelegene und wohl auch älteste Stadt der Welt, weit über 10.000 Jahre sind archäologisch belegbar. Am Ortseingang ein großes Schild: „Dieser Bereich ist für israelische Bürger streng verboten.“ (Bestandteil der verschiedenen Abkommen zu den palästinensischen Autonomiegebieten, wie ich nachlas). Es herrsche Lebensgefahr. Da ist man doch sofort viel entspannter, wenn man ohnehin mit einem etwas mulmigen Gefühl im beinahe Dunklen in eine solche fremde arabische Stadt hineinfährt, ohne eine Quartier zu haben. Schon bald kam ein großes, schickes Hotel, dick eingezäunt: „Jericho Ressort Village“. Ganz abgesehen vom anzunehmenden Preis wollte ich genau das nicht. Ich hätte es ja klasse gefunden, in einem Kibbuz zu übernachten. Nachdem sich das nicht ergeben hatte, wollte ich nun die arabische Stadt richtig erleben. Also unverdrossen weiter. Ich sah aber keine weiteren Hotels oder B&Bs (mein Ratgeber in Tabgha hatte gesagt, dass es die gibt). Also fragte ich eine junge Familie. Die Frau (!) sprach exzellent englisch. Sie wollten mich zum „Ressort Village“ zurückschicken. Erst auf mehrere Nachfragen meinten sie, es gebe im City-Center ein kleines Hotel. Da müsse ich noch drei Kilometer fahren. Im quirligem Zentrum hörte ich im Gewühl plötzlich Worte: „Der sieht so deutsch aus." Ich drehte mich um. Eine palästinensische Familie aus Böblingen im Heimaturlaub. Sie übersetzten und fragten Dritte nach einem Hotel. Man wollte mich wieder Kilometer zurück schicken, jetzt zu einem anderen Hotel. Da fragte ich doch lieber noch mal Google – und das behauptete, es gebe in 300 Metern ein Hostel. Das fand ich erst im dritten Anlauf. Es war auch nicht das Hostel selbst, sondern nur ein kleiner Laden in der Stadt, in dem der Inhaber einen seiner Söhne sitzen hat, damit man das Hostel selbst findet. Ich wurde durch den Sohn telefonisch verbunden und dann durch den Chef selbst mit dem Auto abgeholt, der mich die knapp zwei Kilometer bis in einen kleinen Stadtteil lotste, wo er sein Hostel betreibt. Ich bekam genau, was ich erhofft hatte: Ein einfaches Zimmer mit Dusche und (leider hier nötig) Klimaanlage. Für die Hälfte des Geldes, das ich in Jaffa oder Caesarea für Übernachtungen bezahlt hatte. Hier blieb ich nun zwei Abende. Für einen sehr überschaubaren Preis wurde mir auch jeweils ein sehr gutes warmes Abendessen bereitet, so dass ich nicht mehr ins Stadtgewimmel musste, sondern auf der Terrasse des Hostels entspannt sitzen konnte. Gestern Abend saß die Großfamilie des Betreibers am Nebentisch, plauderte und spielte Karten. Alles sehr familiär und freundlich.

Walleed, der Inhaber, gab mir gute Tipps für heute, und er erzählte mir auch einiges über Lebensbedingungen und politische Lage. Er ist ein Original, sehr freundlich, aber untypisch. Er hat länger in den USA gelebt und hat dort auch noch ein Business und eine zweite Frau (!). Mit dem amerikanischen Geld habe er in Jericho günstig einen größeren Bereich kaufen können für Häuser für die Familie und das Hostel. Walleed hält von einer Zwei-Staaten-Lösung nichts, das würde schwer für Palästina. Er findet, alle sollten in Frieden in einem Land leben.

Dadurch, dass ich gestern so weit voran gekommen war, konnte ich nun heute eine Fahrt ohne Gepäck zum Toten Meer machen. Ich musste in jedem Fall nach Jericho zurück, eine andere Straße nach Jerusalem gibt es nicht. Etwas mysteriös war gestern mein Handy-Ladekabel hier im Haus verschwunden, das ich gerade erst vor drei Tagen in Tiberias erstanden hatte. So fuhr ich heute als erstes in die Stadt und fand trotz Freitag (Ruhetag der Muslime) einen Handyshop. Ich bekam das Kabel für 15 Schekel. In Tiberias hatte ich 50 bezahlt. Auch an der großen Moschee fuhr ich vorbei, von deren Minarett die Gesänge erklangen. Anders, als ich es etwa in Ägypten erlebt hatte (wo Hunderte davor mitbeteten), war vor der Moschee aber nichts zu sehen.

Im Nachbarladen erstand ich noch eine Flasche Wasser. Und es kam der Dialog, den ich nicht zum ersten Mal im Leben erlebte, der aber doch immer aufs Neue erschütternd ist: „Where are you from?“ – „From Germany.“ – „Ah, Germany. Hitler!“ – „Yes, Hitler was a german, but not a good one.“ – „You don’t like Hitler?“ – „No, not at all.“ – „Hitler good“ (Daumen hoch). – „Because he was against the jews?“ – „Yes!“, dazu eine grimmige Geste mit zwei Händen: alle plattmachen. Einfach furchtbar. Wie repräsentativ das ist, weiß ich nicht; ein Einzelfall ist es bestimmt nicht. Ich finde, man muss das immer im Sinn haben,  wenn man über das gewiss befragbare politische Handeln und Sicherheitsbedürfnis Israels urteilt. Und in Deutschland ist es widerlich, wenn das etwa von der AfD ausländerfeindlich instrumentalisiert wird. Aber dass es an dieser Stelle bei arabischen Migranten ein echtes Problem gibt, das müssen wir im Blick haben. Soviel Komplexitätsbereitschaft brauchen wir.

Zum Toten Meer
Heute also ein Ausflug ohne Gepäck zum Toten Meer. Ich war froh, dass es nicht mehr als 60 Kilometer wurden. Es war wirklich unsagbar heiß und dazu stark windig. Auf der Rückfahrt kam der Wind von vorn und ließ nicht mehr als 11 km/h zu. Ich konnte heute gar nicht so viele große Wasserflaschen kaufen, wie ich trinken musste. 

Mein erstes Ziel – ein wichtiger Tipp von Walleed – war die Stelle am Jordan, an der der Taufe Jesu durch Johannes gedacht wird. Das sind nur ca. 10 km von Jericho. Erst nach 1994 konnte dieser Ort wieder erschlossen werden, und zwar auf jordanischer wie auf israelisch/palästinensischer Seite – der kaum fünf Meter breite Fluss bildet hier die Grenze. Es gibt eine ganze Reihe von Kirchen und Klöstern verschiedener Denominationen. Und man hat in ästhetisch gelungener Weise Vorkehrungen gebaut, durch die die Gläubigen gut ans und ins Wasser kamen. Während meines Besuchs kamen mehrere Busse. Eine große Gruppe aus Rumänien verschwand in Umkleidebereichen und kam in weißen Gewändern (um nicht zu sagen Nachthemden) wieder, die extra für diesen Tag vorn bunt bedruckt waren. Sie stiegen ins Wasser und feierten mit ihren Priestern ein liturgisches Taufgedächtnis. 

Mein nächstes Ziel war Qumram, der Ort, wo man ab 1947 einzigartige Funde biblischer und außerbiblischer Schriften machte. Wenn das in erreichbarer Nähe ist, muss man als Theologe einfach hin, fand ich. Es war spannend, die ausgegrabenen Überreste der Siedlung und die Höhlen einmal zu sehen. Ich war zwischen zwei und drei Uhr dort, so dass man die lebensfeindliche Atmosphäre dieser Wüstenlandschaft besonders spüren konnte (Mein Thermometer zeigte wieder die 50 Grad). Die Ausstellung präsentiert noch ganz die Geschichte von der endzeitlichen Essener-Sekte, die dort gelebt habe. Man spielte einen kurzen Film dazu für mich sogar extra auf Deutsch ab. Ich glaube, diese Deutung bezweifelt man heute historisch sehr. In etwas vorbereitender Lektüre am Vorabend hatte ich aber eine konsensuale Theorie, wie der Ort und die Unzahl der gefundenen Schriften zusammengehören, nicht gefunden. Aber archäologisch und historisch einer der spannendsten Orte überhaupt.

Schließlich das Tote Meer. Auch diese Erfahrung muss man ja mal gemacht haben; mir fehlte sie bisher. Ich bezahlte meinen Eintritt und bin im großen Strandbad „Kalia Beach“ („The lowest bar in the world“) in den See gestiegen. Erst einmal brennen durch den extremen Salzgehalt sämtliche offenen oder etwas wunden Stellen am Körper tüchtig – und davon habe ich nach dieser Tour genug. Aber dann spürt man, wie das warme Wasser einen trägt, und das macht richtig Spaß. Ich habe mich bestimmt eine halbe Stunde auf dem Rücken treiben lassen. Schon ein besonderes Erlebnis. Nach der Rückfahrt mit heißem Gegenwind verbringe ich den letzten Abend meiner Tour auf der Terrasse in Jericho, bekam gutes Essen und Tee (Alkohol treibt man hier in Jericho nicht auf, jedenfalls habe ich keinen gesehen). 

Morgen soll es hinauf gehen nach Jerusalem. Ich habe dann wunderbarerweise noch eine Woche in Israel mit Claudia, die morgen kommt. Darauf freue ich mich sehr. 
Aber morgen ist auch das Ziel und das Ende der eigentlichen Tour. Ein ganz eigenartiges Gefühl. Oder besser eine eigenartige Mischung sehr verschiedener und sehr intensiver Gefühle. 
Aber erst noch einmal eine sehr schwere Bergwertung.